Eine kleine, wahre Geschichte

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Walter Bieri - Ist Camping wirklich noch ein Abenteuer?

Wie jedes Jahr bin ich auf unserem heimeligen Camping Heubach mit dem Platzwart und einigen Standplätzlern am Erneuern der Infrastruktur. Diesmal trifft es die Stromversorgung auf dem Platz. Die Gäste verlangen immer mehr Energie, denn die Fahrzeuge beinhalten immer mehr Komfort. Satellitenfernsehen, Backöfen, Kaffeemaschinen und sogar Geschirrspüler sind keine Seltenheit mehr. Also werden neue Stromkästen montiert und dickere Kabel verlegt. Dazu werden Gräben ausgehoben und Sockel betoniert.

Am Abend sitzen wir gemeinsam vor dem alten Chalet, geniessen das verdiente Nachtessen, und es wird über Vergangenes und auch Neues geplaudert. Dabei werde ich gefragt: «Wann montierst du endlich WLAN auf dem Platz?»

Nach einer Vollmondnacht mit sternenklarem Himmel, in der nur das Rauschen des Schwarzwassers leise zu hören war, erwache ich mit der strahlenden Frühlingssonne.

Das Büro ruft und ich muss den romantischen Platz verlassen. Dabei führt die Strasse bis Belp durch die blühenden Wiesen. Ab da geht die Fahrt auf der grauen A1 Richtung Aargau weiter. Plötzlich, genau auf der engen Baustelle nach Kirchberg, leuchtet eine rote Alarmlampe auf. Mit letzter Energie erreiche ich mit meinem Gefährt die nächste Notfallbucht, dann erstirbt der Motor unwiderruflich. In den eineinhalb Stunden Wartezeit auf den Pannendienst zieht eine ununterbrochene Fahrzeugkolonne an mir vorbei, wobei etwa jedes zehnte Fahrzeug ein Wohnmobil ist. Beim Zuschauen frage ich mich: Wo stehen die dann alle? Und wo reisen sie alle wohl hin?

Während ich mit der Bahn nach Hause fahre, wird mein Pössl auf der Brücke eines LKW zur Reparatur gebracht. Nun sitze ich zu Hause vor unserem alten Bauernhaus an der Sonne, schreibe diese Geschichte und frage mich dabei: Ist Camping wirklich noch ein Abenteuer?