Unterwegs in Irland

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Rolf Järmann - Wohnmobilreise auf der grünen Insel

Letztes Jahr im Mai waren Anita und ich fast einen Monat in Irland unterwegs. Wer hätte da gedacht, dass nur ein Jahr später alle Grenzen dicht sind und so eine Reise unmöglich wäre. Nichtsdestotrotz sind die Erinnerungen an eine der bisher schönsten Wohnmobilreisen noch lebhaft im Kopf.

Die Reise begann eigentlich in Belgien, wo ich als passionierter Velofahrer den Weg durch den See befahren musste. In Belgien fahren wir durch die Ardennen, es schneit wieder zwischendurch und regnet ziemlich stark. Wir fahren an Bastogne, Spa-Francorchamps und Lüttich vorbei. Alles Ortschaften, die ich von meiner früheren Velokarriere ziemlich gut kenne. Ich habe da jeweils Wochen in Belgien verbracht und bin von einem Rennen zum nächsten gereist. Alte Erinnerungen kommen auf und auch das Gefühl, dass wir die Ardennen unbedingt mal separat bereisen müssen.

In Hasselt kommen wir dann gut an und das Navi führt uns direkt zur Domain Kiewit. Wir sind schon um drei Uhr eingerichtet, darum packen wir unsere Velos und fahren die 2 km auf dem Fahrradweg zum Weg durch das Wasser. Genau als wir dort ankommen, klart es auf und die Sonne begrüsst uns. Der Weg ist einfach Spitze! Und eine coole Idee! Der Fahrradweg teilt den See in zwei Teile, ist ungefähr 1,5 m tief und man kann die Wasseroberfläche auf Nasenspitzehöhe erleben, ohne nass zu werden. Es ist beeindruckend, wenn sich Schwan und Mensch auf Augenhöhe begegnen, man hat dann plötzlich viel grösseren Respekt davor und traut sich gar nicht mehr so nahe ans Tier. Anderntags stehen wir dann in Holland um 14 Uhr an der Fähre, fahren mit dieser nach Newcastle im Norden, fahren dort direkt 200km quer durch England und nehmen dann die zweistündige Fähre nach Larne. Alles verläuft problemlos und schon 24 Stunden nach der Abfahrt in Holland kommen wir gut in Nordirland an.

Der Causeway Coastal Route Entlang

Diese nordirische Küstenstrasse ist nicht wirklich schmal, breiter als in Wales oder Schottland, von daher kein Problem. Sie verläuft wirklich meist direkt an der Küste mit Meersicht. Entlang der Strasse gibt es sehr viele Möglichkeiten, Fotostopps zu machen, einen Parkplatz zu finden, fiel uns immer sehr leicht. Beeindruckt hat uns der Tempel und das Demense Herrschaftshaus, auch Bishop’s Garden, der dazugehört, war super. Diese Lokalität gefällt Leuten, die Einsamkeit und Weite mögen. Die Dark Hedges sind sensationell für Fotos und bei Carrick-a-red hat uns der Übernachtungsplatz sehr gut gefallen, hoch über dem Meer in einem Felsenkessel. Dunclue Castle gibt auch super Fotos, dort darf aber nicht übernachtet werden. Und dann überqueren wir die Grenze Nordirland–Irland, Pfund wechseln in Euro, Meilen zurück in Kilometer, nur der Linksverkehr bleibt.

Wild Atlantic Way

Ab jetzt fahren wir die nächsten 2000 km auf dem Wild Atlantic Way, immer den Schildern mit der weissen Welle auf blauem Grund nach.

Nach wenigen Kilometern sind wir in Malin Head, dem nördlichsten Punkt auf der Insel. Die Landschaft ist wild, das Meer rau und die Klippen eindrücklich. Und echt jetzt, das ändert sich die nächsten Wochen überhaupt nicht. Wir hatten nie Mühe, einen Übernachtungsplatz zu finden, zum Teil auf wildromantischen Campingplätzen, dann wieder auf Parkplätzen von Leuchttürmen oder auf einem Ausflugsparkplatz in der Nähe von steilen Klippen.

Ich könnte jetzt seitenweise schöne Orte nennen, aber einen muss ich ganz einfach erwähnen: Downpatrick Head. Aussen an der Landspitze gibt es drei kleine Parkplätze direkt am Meer mit nichts, nicht mal Papierkörbe. Aber der absolute Traum. Und wenn man dann zu Fuss durch die Schafsgatter zu den Schafen eintritt und etwas den kleinen Hügel bis aussen an die Landspitze spaziert, tut sich ein atemberaubendes Panorama auf: senkrechte und Küstenlandschaft Malin Head Downpatrick Head überhängende Klippen und mitten im Meer eine riesige freistehende Felsnadel. Einfach gewaltig! Wir können den Mund nicht mehr schliessen und sind total überwältigt, sodass wir ein paar Fotos schiessen, staunen und danach wieder zum Wohnmobil zurückkehren. Erst eine Stunde später merken wir, dass wir noch gar nicht alles gesehen haben, dass etwas weiter hinten nochmals genau gleich überwältigende Klippen stehen. Echt jetzt, das ist bisher der schönste Ort in ganz Irland! Schöner geht es gar nicht. Es fährt hin und wieder ein Auto voll Touristen her, sie machen einen Spaziergang, kehren zurück und fahren wieder weg. Es ist touristisch überhaupt nicht erschlossen, keine Verkaufsstände, nur der Parkplatz. Und für das, dass es absolut Top-Wetter für Irland ist, absolut tote Hose. Insgesamt zählten wir einmal ganze zehn PKW. Wir können uns kaum erholen und spazieren die 300 m insgesamt sicher fünfmal, um immer wieder zu fotografieren und zu staunen. Natürlich erlebten wir auch den knallroten Sonnenuntergang auf den Klippen. Wir sind noch ganz baff und können noch gar nicht alles in Worte fassen. Warum es hier nicht mehr Touristen hat, ist mir echt schleierhaft. Hoffentlich bleibt das noch möglichst lange so, darum kommt bitte nicht hierher…

Danach geht es immer weiter Richtung Süden bis wir nach vielen Kilometern und vielen Tagen am südlichsten Punkt ankommen. Und auch hier wieder eine Überraschung, an die wir nicht gedacht haben. Eine riesige Wiese direkt am Meer, die als Stellplatz fungiert. Wenn das nicht einfach top ist! Detaillierte Infos zu unserer Route, Sehenswürdigkeiten usw. findet ihr auf unserem Blog bei unseren Reisen.

Fazit

Irland ist für uns ein supertolles Wohnmobilland. Viele Möglichkeiten frei zu stehen, nette, aufgeschlossene Einwohner, fantastische Landschaften und viele Sehenswürdigkeiten. Wir fühlten uns immer willkommen und hatten nicht die kleinsten Probleme. Den Mai empfanden wir als idealen Reisemonat, noch ist nicht viel los, aber die Natur empfängt einen schon mit viel Farbenpracht, ebenso sind die grossen Wetterstürme vorbei.

Grundsätzlich: Wir fuhren von Norden her den Wild Atlantic Way von der Grenze Nordirlands bis zu seinem Ende ganz im Süden. Auch die letzten Ecken mit schmalen Strässchen nahmen wir mit unserem 7,5-mWohnmobil problemlos mit. Dafür waren wir in Irland insgesamt 19 Tage im Mai unterwegs.

Verkehr: Vor dem Linksverkehr muss man keine Angst haben, man gewöhnt sich sehr schnell daran. Die Iren fahren zügig, aber rücksichtsvoll. Die Strassen sind zum Teil eng und unübersichtlich und darum darf man mit dem Wohnmobil einfach nicht rasen. So gibt es echt keine Probleme, hin und wieder am Strassenrand in die vielen Parkbuchten ausweichen, stoppen und die hinten nachfahrenden Fahrzeuge passieren lassen. Die Iren sind dafür extrem dankbar und grüssen praktisch immer. Der Ring of Kerry darf mit Wohnmobilen nur im Gegenuhrzeigersinn und Slea Head Drive nur im Uhrzeigersinn gefahren werden. Dies sind aber nur ungeschriebene Gesetze, die man trotzdem einhalten sollte und die das Fahren bedeutend vereinfachen. Dazu ist der Connar-Pass für Wohnmobile gesperrt.

Übernachtungen: Wir hatten noch in keinem Land so wenig Probleme, Übernachtungsplätze zu finden. Es gibt aber auch hier Orte, die mit «no overnight parking» gekennzeichnet sind, allerdings wenige und meistens mit gutem Grund, denn meistens gibt es einen Camping- oder Stellplatz ganz in der Nähe. In den Städten gibt es auch Höhenbeschränkungen, wo man mit dem Wohnmobil dann einfach nichts zu suchen hatte. Mit unserem Ungetüm hatten wir einzig in Galway Probleme, einen Parkplatz zu finden. Allerdings waren wir weder im Zentrum von Dublin noch in Belfast. Ansonsten haben wir vielfach auf den Parkplätzen bei Leuchttürmen praktisch im Niemandsland geschlafen, auf Küstenparkplätzen und auch gibt es tolle, naturbelassene Campingplätze. Wir hatten an den Schlafplätzen fast immer perfekte Meersicht.

Landschaft: Die ist einfach nur wow, von sensationellen Klippen und fantastischen Aussichten kann man einfach nie genug kriegen. Alles ist sehr grün, meistens mit Schafen bespickt und im Hintergrund ein blaues Meer. Man sieht so tolle Ecken, dass man mit der Zeit fast etwas abgestumpft wird.

Mentalität: Wir fanden die Iren sehr aufgeschlossen, in einem Pub hatte man sofort Kontakt, sie beginnen zu fragen und zu reden und sind sehr spontan und pragmatisch. Sie finden für alles eine einfache Lösung, wenn ein Zaunpfahl einbetoniert werden muss, zeigt das abgespitzte Ende einfach für die gesamte Lebenszeit des Zaunes in die Luft. Am Hafen der Fähren ist manchmal der Sommerfahrplan aufgehängt, im Winter kommen keine Touristen und die Einheimischen wissen, wann die Fähren fahren. Warum also den Fahrplan auswechseln?

Sehenswürdigkeiten: Es gibt Tausende Sehenswürdigkeiten, die meisten haben einen kleinen Parkplatz und Wegweiser und gut ist. Steinkreise, aussergewöhnliche Klippenaussichten, Tausende Haus- und Burgruinen, Leuchttürme und einfach tolle Landschaften. Bei manchen kostet es Eintritt, manchmal nicht zu knapp, andere hingegen sind wieder völlig kostenlos, obwohl viel besser. Es gibt irgendwie da keine Einheit und man muss es auf sich zukommen lassen. Es gibt ziemlich wenige Infos in Fremdsprachen, praktisch alle Infobroschüren sind nur auf Englisch.

Einkaufen: Auch hier gibt es Aldi, Lidl und wie sie alle heissen. Vielfach ist auch bei Tankstellen eine ausreichende Möglichkeit, einzukaufen. Bargeldautomaten gibt es manchmal sogar in Souvenirshops drinnen.

Kosten: Wir fanden die Preise moderat, vielfach bezahlten wir für eine Übernachtung 10 Euro, der teuerste Campingplatz war 25 Euro für eine Nacht. Vielfach standen wir frei, also kostenlos. In den Pubs ist es nicht ganz billig, auch das Auswärtsessen war jeweils nicht unbedingt ein Schnäppchen, aber immer sehr, sehr gut. Diesel ist etwas teurer als in Deutschland, aber günstiger als in England.

Negativ: Das Land ist sehr sauber mit wenig Abfall in der Natur, obwohl es fast nirgends Abfalleimer hat. Abfall entsorgen geht meistens nur auf Stell- oder Campingplätzen, auch dort nicht mal überall. Wir haben den Abfall manchmal tagelang durch die Gegend gefahren, bis wir eine Möglichkeit fanden, diesen fachgerecht zu entsorgen. Andere Nachteile haben wir echt nicht gefunden, ausser das Wetter. So eine richtige Schönwetterperiode zu erwischen, braucht extrem viel Glück. Regenkleider mitnehmen, man kann sie brauchen.