Per Velo im Zickzack durch den Jura

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colorfish.ch - Basel - Lausanne

Von Basel aus erkunde ich eine mir unbekannte Ecke der Schweiz, den Jura. Ich treffe auf tolle Landschaften, zahlreiche Hügel, offene Menschen und viel Regen. Eine eher nasse als trockene Tour mit einigen Einblicken in die verschiedenen Tiefen der Erde.

Mit vielen Tipps im Gepäck starte ich von Basel aus auf der nationalen Velo-Route 7, die mich aus der Stadt rausbringt. Nach ein paar flachen Kilometern beginnt die erste Steigung auf einen der unzähligen Hügel. 

Bei Kleinlützel verlasse ich die Route 7. Die meisten Dörfer, die ich passiere, sind menschenleer, aber in Gimpel komme ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Natürlich fragt er, wo ich so voll beladen hin wolle. «Nach Erschwil», antworte ich. Er meint, dass ich doch besser weiter den Hügel hochfahre, und erklärt mir seine Route. Ich bin müde und ein baldiges Camp kommt mir gelegen. Ich frage den Herrn, ob es jemanden störe, wenn ich irgendwo da oben mein Zelt aufschlagen würde. «Absolut nicht, da oben gibt es auch eine Hütte, geh doch dahin.» Er gibt mir noch einen Sack mit frisch gepflückten Kirschen mit auf den Weg. So fahre, ich weiter den Berg rauf, bei einem der beiden Bauernhöfe frage ich nach Wasser. Der Weg zur Hütte ist extrem steil, ich schiebe mein Rad noch eine Weile den Berg hoch. Aber die Hütte ist perfekt mit einem kleinen Vordach. Dies wird bald nützlich, denn kurz nach meiner Ankunft beginnt es zu regnen und es ist auf diesen nur 850 Metern auch ganz schön kühl.

Es regnet die ganze Nacht, und der zweite Tag wird in voller Regenmontur gestartet. Nach einigen abwechslungsreichen Irrwegen treffe ich ziemlich eingeschlammt in Delémont ein, wo ich mir, eine Dreckspur hinterlassend, ein Zimmer suche. Ich brauche Strom und Internet, denn es muss doch ein etwas konkreterer Plan für die Route her …

Bei immer noch grauem Himmel geht es weiter nach Bassecourt, dann im Zickzack durch die schöne Gorges du Pichoux und die nicht ganz so spektakuläre Gorges de Court. Die wenigen Menschen, die ich antreffe, sind allesamt sehr freundlich und hilfsbereit. Kaum halte ich irgendwo, bietet mir jemand Hilfe an oder ist einfach in der Stimmung für einen kleinen Schwatz.

Über Bellelay, die Heimat des Tete-deMoine-Käses, führt mein Weg über den schönen Mont Soleil nach St-Imier. Von dort erklimme ich den höchsten Hügel im Jura, den Chasseral. Es ist wohl der einzig wirklich schöne Tag auf dieser Tour und das Timing lohnt sich. Die Fernsicht vom Chasseral in die Alpen ist wirklich klasse!

Ich kurve auf der anderen Seite noch etwas in der Gegend herum und in Lignières fahre ich auf den Campingplatz. «Alles voll, alles voll!», ruft die Dame an der Rezeption ins Telefon. Auch für ein Zelt habe es keinen Platz mehr, wie sie mir dann mitteilt. In den katholischen Kantonen machen wegen Fronleichnam viele eine Brücke und es ist das zweite Wochenende mit offenen Campingplätzen. Diese werden nun richtiggehend gestürmt. Nach einigem Hin und Her findet sich dann schlussendlich doch noch ein Plätzchen für mein Zelt.

Weitere Hügel führen mich in das Val de Ruz und dann steil hoch auf den Tête de Ran. Von dort oben blicke ich wieder auf den Chasseral und auf einen immer grauer werdenden Himmel. 

Dann geht es weiter Richtung La Chauxde-Fonds. Vor der Stadt biege ich wieder einmal auf die Route 7 ein, vor mir vier ältere Radfahrer mit leichtem Gepäck und E-Bikes. Auffallend ist, dass diese Gruppe Radfahrer meistens ignorant an mir vorbeifährt und auch selten zurück grüsst. Hingegen winken mir hier in der Gegend fast alle Rennradfahrer zu.

Bald regnet es wie aus Kübeln, die kleine Landstrasse wird zum braunen Bach und es ist auch ganz schön kühl auf gut 1100 Metern Höhe. Ich sehne mich nach einer heissen Dusche. Leider ist im einzigen Hotel in La Sagne schon alles voll. Der nette Kellner schreibt mir ein paar Telefonnummern auf, die mir aber so alleine nicht viel sagen. Deshalb fahre ich einfach mal weiter, nass bin ich schon. An der Strasse mit vielen grossen Bauernhöfen tendiere ich langsam dazu,

bei einem nach einer trockenen Scheune zu fragen. Aber ins nächste Dorfes Ponts-deMartel fahre ich noch. Ein Wegweiser zeigt ein BnB an. Zum Glück gibt es dort ein freies Zimmer, und meine total durchnässten Kleider landen nach der ersehnten heissen Dusche im Tumbler des Hauses.

Im Regen spaziere ich am nächsten Tag durch die Moore von Les Ponts-de-Martel und wandere durch die schöne Schlucht Pouette Combe. Vom Creux du Van hätte ich heute nichts gesehen, der versteckt sich bis zum Abend in einer dicken Wolkendecke.

Weiter geht es in Richtung Val de Travers zum Creux du Van. Der beeindruckende Talkessel ist von 160 Meter hohen, senkrechten Felswänden umschlossen. Ich wandere den ganzen Rand des Kessels ab, immer wieder tun sich gewaltige Aussichten und Einblicke auf. Ab und zu nieselt es leicht, die Wege sind rutschig und die Menschenmassen halten sich in Grenzen. An schönen Wochenenden muss der Ansturm auf dieses Naturwunder schon fast irre sein. Aber der Besuch des «Grand Canyon der Schweiz» lohnt sich auf jeden Fall.

In Vallorbe gibt es den nächsten Stopp. 

Wieder einmal ist Regen angesagt, ein guter Zeitpunkt, um die Grottes de Vallorbe zu besuchen. Nach den gewaltigen Höhlen der brasilianischen Terra Ronca ist die Höhle relativ klein, aber je näher ich der grossen Halle komme, umso beeindruckender wird sie. Der Fluss Orbe führt nach all dem Regen viel Wasser und tost lautstark durch die Grotte. Überall in der Höhle sind Lichtspiele zu bewundern, beeindruckend vor allem in der grossen Halle, wo zum Lichtspiel eine ganze Musikshow dazu kommt.

Gemäss Wetterbericht soll das Wetter nun endlich besser werden. Ein Blick aus dem Fenster offenbart mir ein Stück blauen Himmel. Nun, das relativiert sich wieder, als ich nach draussen trete und in Fahrtrichtung auf eine graue Wolkenwand blicke. Ich fahre in Richtung Lac de Joux. Auf Nieselregen folgt Regen, dann Hagel – ich bekomme auf dieser Tour wirklich das volle Programm geboten. Langsam fahre ich durch Weinanbaugebiete hinunter zum Lac Léman und langsam bessert sich auch das Wetter, bis sogar die Sonne wieder scheint. In Lausanne mache ich auf dem Camping Vidy halt, wo ich mich auf ein Wiedersehen mit Kollegin Laeti freue.

Wir essen gerade vor meinem Zelt zu Abend, als langsam ein Gewitter näherkommt und dann genau über den Campingplatz zieht. Ein lauter Knall irgendwo in der Nähe. So wohl ist mir bei solch heftigen Gewittern nicht in meinem Zeltchen. Bei einem Spaziergang nach dem Unwetter stellen wir fest, dass ein Blitz in einen Baum in der Nähe eingeschlagen hat …

Am nächsten Morgen packe ich und nehme den Zug zurück nach Chur. 

Viel Regen, aber gut hat es trotzdem getan. Und etwas Positives hatte das regnerische Wetter doch auch: So viele Dinge habe ich mir auf einer kleinen Tour schon lange nicht mehr angeschaut.

Auf jeden Fall kann ich sagen, der Jura hat mir sehr gut gefallen. Die vom Wasser geprägte Landschaft ist rau und anders, die Mentalität der Leute viel offener als in anderen Ecken der Schweiz. Es gibt hier noch viele Dinge und Wege zu entdecken … ein anderes Mal wieder.